Warum uns Photoshop und Filter den Sinn für wahre Schönheit nehmen

Ich habe lange überlegt, ob ich diesen Artikel schreiben soll, denn letztendlich hat ihn wahrscheinlich jeder schonmal benutzt: den Filter bei Instagram, die kleine Farbkorrektur, die erhöhte Farbsättigung…

Dennoch ärgert es mich, dass die Natur und die Welt anscheinend für viele nicht schön ist, so wie sie ist, sondern noch stark retuschiert werden muss, so wie ein Model für eine Plakatwerbung.
Keiner sagt was gegen kleine Korrekturen, denn das finde ich auch vollkommen in Ordnung, aber muss man so übertreiben? Das ist zum Teil ja keine Bearbeitung mehr, sondern Verfremdung.

Mich macht das traurig. Und wütend.

Places to see/ to visit/ to go to before you die, Instagram Profile…überall sehe ich diese stark retuschierten und veränderten Bilder. Klar sind die schön zum Ansehen, aber wer sagt denn, dass die Realität nicht noch viel schöner ist?!
Für Menschen, die an einem bestimmten Ort noch nicht waren, kann das sogar Erwartungen schüren, die gar nicht erfüllt werden können, denn die Bilder sind durch die starke Bearbeitung verfremdet. Da ist das Wasser in Venedig plötzlich kristallklar, der Mond in der Schweiz überdimensional groß. Und wenn man dann dort ist, hat man schlimmstenfalls genau diese Erwartungen und sieht gar nicht die wahre Schönheit.
Die Welt ist so ein wunderbarer Ort, mit tollen Plätzen, einmaligen Aussichten…warum reicht das in der heutigen Gesellschaft nicht mehr?
Wenn ich Bilder von Bali sehe, die so stark retuschiert sind, überkommt mich die Wut: Ich fand es so wundervoll dort und in meiner Erinnerung ist alles genau so wie es ist perfekt: die Reisterrassen, der bewölkte Himmel, die diesige Luft am Bergsee…Und warum? Weil ich mit Gefühl zurückdenke und nicht nur mit den Augen!

Ist die Welt nicht genug?

Ich habe leider das Gefühl, dass dieser Trend höher, schneller, weiter sich durch viel zu viele Bereiche der heutigen Gesellschaft zieht. Warum muss man immer das dickere Auto, das größere Haus, die längere Reise haben? Oder anders: warum muss man es immer und überall kund tun? Es gibt einen Unterschied zwischen Erzählen und Prahlen. Warum müssen Orte dieser Welt mit brillanteren Farben, stärkeren Kontrasten und dramatischen Filtern „verbessert“ werden? Sind das die Gefühle, die sie haben: „Mensch, hier könnte mal ein bisschen mehr Kontrast in die Reisfelder Balis“? oder „Der Sonnenuntergang ist ja ganz nett, aber es wäre besser, wenn das Rot hier kräftiger wäre, dort noch ein zarteres Lila sein würde…“ Dann sei eins gesagt: ihr macht in meinen Augen was falsch! Also versteht mich richtig: ich finde es vollkommen in Ordnung, kleine Korrekturen vorzunehmen, um dem Foto den Ausdruck zu verleihen, der meine Gefühle zu dem Zeitpunkt, wo ich dort war, wiederspiegelt. Aber eben keine Korrekturen, die nur vorgenommen werden, um einen Ort möglichst perfekt wirken zu lassen und ihn damit zu verfremden.
Und auch hier: es gibt mit Sicherheit wundervolle Bilder, wo man denkt „Das muss retuschiert sein“ weil es so schön ist. Das möchte ich gar nicht bestreiten. Aber meistens erkennt man, ob etwas eben toll fotografiert ist oder (toll) retuschiert ist.

Meine Highlights kurz gefasst.

Hier meine Top 4:

Platz 4: Der etwas zu grüne Bambuswald in Kyoto (erkennt man insbesondere dann, wenn jemand ein unbearbeitetes Bild daneben postet)

Photo by Rui Takada

Photo by Rui Takada

Platz 3: Piaza San Marco in Venedig mit dem kleinen Mond im Hintergrund

Photo by Christina Tan

Photo by Christina Tan

Platz 2: voller Vollmond in der Schweiz

Photo by Senna Relax

Photo by Senna Relax

Platz 1: Venedig mit wunderbaren hellblauem Wasser.

Photo by Lakov Kalinin

Photo by Lakov Kalinin

Die wahre Schönheit entdecken.

Ein Ort in seiner ganzen Schönheit zu entdecken bedeutet für mich, auch die „Fehler“ zu sehen, sie zu wissen, aber als liebevolle Kleinigkeit wahrzunehmen. Es ist doch im Endeffekt wie bei einem Menschen, den man unglaublich gern hat: jeder hat Ecken und Kanten. Das gehört nunmal dazu, aber das macht doch niemanden weniger schön. Im Gegenteil: es macht einzigartig. Natürlich ist es nicht schön, das Asien ein Müllentsorgungsproblem hat und ich würde auch keine Müllberge fotografieren und als wundervolle Urlaubserinnerung aufheben. Im Endeffekt nehme ich das nur beiläufig wahr, weil mich der Rest so begeistert. Mich begeistern die fremden Kulturen, die tollen Menschen und all die grandiosen neuen Erfahrungen.

Denn was viele vergessen ist doch, dass es das Gefühl ist, was einen Ort so wunderschön macht.
Und wahre Schönheit muss nicht immer perfekt sein!

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6 Gedanken zu “Warum uns Photoshop und Filter den Sinn für wahre Schönheit nehmen

  1. Ich denke, man sollte sich ein Reiseziel sowieso nicht anhand von Katalog-Bildern aussuchen. Dass die Bilder beschönigt sind, wissen wir doch alle.
    Vielmehr finde ich das Spannende an einer Reise, alles von Anfang an zu entdecken. Ich schaue mir darum so wenig Bilder wie möglich an. Auch Reiseführer abzuklappern find ich nicht unbedingt sinnvoll, man verliert so schnell den Blick für das Wesentliche und eine Reise wird zum Konsum oder zum Abarbeiten einer To Do Liste (Dies muss ich noch ansehen, das und das…) Ich finde es viel spannender vor Ort interessante Dinge zu entdecken und alles auf sich zukommen zu lassen. 🙂

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    • Danke erst mal für deinen Kommentar:)
      Da kann ich dir nur zustimmen : To Do Listen in einem Urlaub setzen einen nur unnötig unter Druck 🙂 Wobei ich sagen muss, jenachdem wohin ich fahre/ fliege, gibt es für mich schon so „Must do’s“… So wollte ich auf Lombok unbedingt auf den Rinjani, das „Drumherum“ hat sich aber einfach ergeben …oder jetzt in Thailand hab ich auch eine Insel die ich unbedingt sehen möchte… Was ich vorher und nachher mache, da lasse ich mich auch gerne treiben, aber die Insel muss es sein 😉
      Liebe Grüße:)

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  2. Ja und nein – Schönheit liegt bekannterweise immer im Auge des Betrachters. Dazu kommt, dass Fotografie ist immer auch eine künstlerische Ausdrucksformen ist und da ist bekanntermaßen fast alles erlaubt, auch in der Bearbeitung. Das finde ich toll, denn die Geschmäcker sind nun einmal verschieden – ich gebe meinen Raws auch gerne den letzten Kick durch etwas Photoshop, überzogene HDRs finde ich dagegen ziemlich schlimm. Viele Grüße

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    • Huhu 🙂 Danke für deinen Kommentar!
      Klar liegt Schönheit im Auge des Betrachters 🙂
      Wie gesagt: Bearbeitung generell finde ich auch eine gute Sache, nur dieses extreme Verfremden ist persönlich nicht mein Geschmack!
      Es gibt mit Sicherheit auch viele, die das super finden und das ist auch in Ordnung, ist dann eben auch die persönliche Meinung 😉
      Ich beziehe mich auch hauptsächlich auf Reisefotografie und finde es halt kritisch, wenn Bilder so bearbeitet sind, dass Venedigs Kanäle von glasklarem Wasser durchzogen sind, der Mond in der Schweiz überdimensioniert und Sonnenuntergänge in Farben leuchten, die nicht in der Natur vorkommen, denn das schürt gegebenenfalls Erwartungen und jemand der vielleicht aufgrund der Bilder sagt, er möchte mal nach Venedig, ist nachher enttäuscht! Und das finde ich schade, denn (um am Beispiel Venedig zu bleiben) Venedig ist wundervoll, aber wenn ich klares, hellblaues Wasser erwarte, bin ich vermutlich etwas irritiert!
      Man muss da glaube ich unterscheiden, ob man seine Fotografie “nur” als “Kunst” sieht oder eben auch als authentische Information 🙂
      Liebe Grüße

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  3. Jaaein, also prinzipiell ja, aber…

    Wenn ich meine Fotos nachbearbeite, versuche ich das herauszuholen, was ich beim Fotografieren gesehen habe. Das gibt die Rohfotografie oft eben nicht wieder, weil das menschliche Auge selektiv wahrnimmt, die Kamera aber gnadenlos ehrlich ist. Türkisblaues Wasser in Venedig ist natürlich Käse, aber eine Plastiktüte, die durch meine Aufnahme schwimmt, würde ich auch wegretuschieren.

    Die Kunst ist es, Photoshop und Konsorten ausgewogen zu nutzen.

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    • Hey 🙂 erst mal danke für deinen Kommentar 🙂
      Wir haben da glaube ich schon eine sehr ähnliche Ansicht.
      Das was du oben geschildert hast, meine ich auch, wenn ich sage, dass Bearbeitung in gewissen Maßen sinnvoll und natürlich nicht immer schlecht ist! Ich bezieh mich in dem Beitrag eher auf eben dieses beispielhafte türkise Wasser 😉
      Generell ist Fotobearbeitung ja was Tolles, wenn sie richtig angewendet wird:) aber daran hakt es hin und wieder schon mal in meinen Augen und das lässt dann die eigentliche Schönheit in den Hintergrund rücken und verfremdet mir persönlich die Orte zum Teil zu sehr.
      Liebe Grüße

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