Das KANADA-Prinzip

Ein Beitrag meiner lieben Freundin Jota, die ihr Auslandssemester in Kanada verbracht hat.

Mittlerweile ist es dunkel geworden. Der eiskalte Wind peitscht mein Gesicht. Unter meinen durchnässten Turnschuhen knacken die frisch gefallenen Schneeflocken. Die Kälte betäubt meine Finger. Trotz allem muss ich lauthals lachen, denn gemeinsam mit zwei Freunden stehe ich vor einem typisch kanadischen Problem: Unser Auto steckt auf einem Hügel im tiefen Schnee fest. Mit aller Kraft versuchen wir das Auto und uns aus diesem Schlamassel zu ziehen. Nach einigen Versuchen und Lachkrämpfen hat es endlich geklappt. Und ich habe mich endgültig in Kanada verliebt.

Ich habe ein knappes halbes Jahr im zweitgrößten Land der Welt gelebt und ein Auslandssemester verbracht. Vor meiner Abreise träumte ich von wilden Bären, Holzhütten, Ahornsirup und Abenden am Lagerfeuer. Doch schon kurz nach meiner Ankunft musste ich feststellen: Kanada hat viel mehr zu bieten als Klischees! Ich habe noch nie ein spannenderes und vielfältigeres Land erlebt, auch wenn der Ahornsirup lecker und Abende am Lagerfeuer nicht selten sind (Klischees sind manchmal dann doch ganz toll). Trotz aller Begeisterung muss ich zugeben, dass mich Kanada zunächst ein wenig erschlagen hat. Es gab einfach zu viel zu sehen und erleben, sodass ich gar nicht wusste wo ich anfangen sollte. In der Hoffnung, dass dir während deiner Urlaubsplanung nicht dasselbe passiert, habe ich für Kanada-Frischlinge das sogenannte KANADA-Prinzip entwickelt und Tipps, Wissenswertes und Anekdoten über das für mich schönste Land der Welt zusammengetragen. Meine Schilderungen können bei Weitem nicht die Vielfalt Kanadas erfassen, aber sie können vielleicht ein guter Einstieg für dich sein.
Ich habe während meines Auslandssemesters die Provinzen Ontario und Québec bereist und lieben gelernt. Und auch du wirst dich in Kanada verlieben, versprochen!

K wie……Kulturvielfalt
In Kanada leben ungefähr 30 Millionen Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern und Kulturen zusammen. Ihre Wurzeln liegen in China, Indien, Deutschland, Irland, Schottland, Polen, Italien…diese Liste ließe sich noch ewig fortsetzen. Gepaart mit dem Einfluss der englischen und französischen Kolonialzeit und der Kultur der Ureinwohner („First-Nations“) ist es also kein Wunder, dass Kanada so vielseitig ist und man nicht von DER kanadischen Kultur sprechen kann. Wenn du in kanadischen Großstädten wie Toronto, Vancouver oder Montreal unterwegs bist, wirst du früher oder später in einem China Town oder Little Poland landen. Das ist deine Gelegenheit die kulturelle Vielfalt Kanadas kennenzulernen.
Mein Tipp: Tauch in diese Viertel ein und mach eine kleine Weltreise! Probiere unbedingt die chinesischen Restaurants in Toronto aus, entdecke in Montreal das pittoreske jüdische Viertel entlang des Saint Laurent Boulevards oder finde in Waterloo/Kitchener heraus wie in Kanada die deutsche Kultur gelebt wird (und wie sollte es anders sein: dort wird jedes Jahr das größte Oktoberfest in Nordamerika gefeiert). All diese Kulturen könnten nicht unterschiedlicher sein und doch sie haben eine wichtige Gemeinsamkeit: Sie alle gehören zu Kanada!
Fun Fact: Die leckersten „Dumplings“ (chinesische Teigtaschen, gefüllt mit Gemüse oder Fleisch) habe ich übrigens in Toronto gegessen und nicht in Peking 😉

Toronto statt Peking: Die chinesische Community prägt die kanadischen Großstädte.

Toronto statt Peking: Die chinesische Community prägt die kanadischen Großstädte.

A wie……Ahornwälder, Berge und Großstadtdschungel
Kanadas Landschaft ist so vielfältig wie seine Einwohner. Dies liegt vor allem an der Größe des Landes. Die meisten Urlauber kommen hauptsächlich wegen der atemberaubenden Landschaften. Diese Vielfalt kann Kanada-Neulinge allerdings auch schnell überfordern und frustrieren. Deswegen rate ich dir: Frage dich vor deinem ersten Kanada-Besuch was du von deiner Reise erwartest und versuche nicht gleich bei deiner ersten Reise alles zu sehen.
Du bist ein Naturbursche bzw. Naturmädel und gehst gerne im Grünen wandern? Dann sind die zahlreichen Nationalparks in Ontario, Québec oder British Columbia genau das richtige für dich (vor allem im Herbst, wenn die Ahornwälder in gelben und roten Farben leuchten). Wolltest du schon immer mit deinem Snowboard die Rocky Mountains hinunter heizen? Dann solltest du dir eine Skihütte in Whistler-Blackcomb oder Banff mieten. A propos Schnee: In den drei Territorien Nunavut, Yukon und den Northwest Territories siehst du wunderschöne Eislandschaften, Tundren und mit viel Glück sogar einen Eisbär. Oder stehst du eher auf Meeresluft, leckeren Fisch und romantische Leuchttürme? Dann wirst du auf Prince Edward Island eine wunderbare Zeit haben. Falls du Lust auf einen klassischen Städtetrip hast, findest du in den Metropolen Vancouver, Toronto oder Montreal dein Glück. Wer es etwas ruhiger und lässiger mag, kann sich in Manitoba, Saskatchewan oder Alberta von der großen Weite der Prärie faszinieren lassen. Wie du siehst, steckt Kanada voller Möglichkeiten!
Wichtig: Pack die passende Kleidung für deine Reise ein! Kanadas Klima kann unberechenbar sein und variiert von Region zu Region stark. Im Oktober kann es in Süd-Ontario noch sommerliche Temperaturen geben, während in Manitoba der erste Schnee fällt. Wenn ich mir vor meiner Reise mehr Gedanken über meine Garderobe gemacht hätte, hätte ich meinen Aufenthalt in Québec City bei Temperaturen von -20 Grad mehr genießen können. Stattdessen musste ich auf die harte Tour lernen, dass Turnschuhe, Minusgrade und Schnee keine gute Mischung ist.

Welcome to the jungle: Montreals Finanzviertel braucht sich nicht hinter der Wall Street in New York zu verstecken.

Welcome to the jungle: Montreals Finanzviertel braucht sich nicht hinter der Wall Street in New York zu verstecken.

Der kanadische Herbst leuchtet in vielen Farben.

Der kanadische Herbst leuchtet in vielen Farben.

Süße Leuchttürme gibt es auch auf Pelee Island, Ontario. Die Insel im Lake Erie solltest du unbedingt mit Rad erkunden.

Süße Leuchttürme gibt es auch auf Pelee Island, Ontario. Die Insel im Lake Erie solltest du unbedingt mit Rad erkunden.

Die Niagarafälle gehören zu den berühmtesten Beispielen für die atemberaubenden Naturphänomene Kanadas.

Die Niagarafälle gehören zu den berühmtesten Beispielen für die atemberaubenden Naturphänomene Kanadas.

Klirrende Kälte und Schnee in Québec. Verträgt sich nicht so gut mit Turnschuhen.

Klirrende Kälte und Schnee in Québec. Verträgt sich nicht so gut mit Turnschuhen.

N wie……Nie die Größe des Landes unterschätzen!
Zur Erinnerung: Kanada ist das zweitgrößte Land der Welt! Bedenke diesen Aspekt in deiner Reiseplanung, vor allem wenn du mit dem Auto, Zug oder Bus unterwegs bist. Die weiten Strecken schlucken unheimlich viel Zeit und lange Busfahrten können schnell zur Geduldsprobe werden. Plane also genug Zeit für Fahrten ein. Aus diesem Grund ist es auch klüger sich eine Provinz oder Region pro Reise vorzunehmen, vor allem wenn du nur ein paar Wochen Zeit hast. Für mein Auslandssemester habe mir Ontario und Québec vorgenommen und obwohl ich viel gesehen habe, hätte ich gerne noch mehr Zeit gehabt (mal davon abgesehen, dass ich eigentlich zum Studieren nach Kanada gegangen bin). Ich bin hauptsächlich mit den Zügen von „Via Rail“ (sehr komfortabel, aber teuer) und Greyhound-Bussen (nicht so komfortabel, aber etwas günstiger) gereist und bin auf diese Weise wunderbar herumgekommen.
Viele Kanada-Reisende benutzen das Flugzeug, um möglichst viel von dem Land zu sehen. Davon würde ich allerdings abraten, denn ein entscheidender Vorteil von Bus- und Zugfahrten ist, dass du während der Fahrt in aller Ruhe die kanadische Landschaft bewundern kannst. Außerdem bereitest du dir durch Flugreisen unnötigen Reisestress. Du hetzt zum Flughafen und musst deine wertvolle Reisezeit am Terminal verschwenden, obwohl du sie stattdessen nutzen könntest um „Beavertails“ (frittierter Teig mit unterschiedlichen Toppings) in Ottawa zu probieren. Dieser Stress kostet dich außerdem eine Menge Geld, denn innerkanadische Flüge sind unheimlich teuer. Da macht es einfach mehr Sinn ein zweites Mal nach Kanada zu kommen. Diese Variante macht auch viel mehr Spaß, denn Canada is always a good idea!

Wer mit dem Zug von Ottawa nach Québec City fährt, wird mit diesem wunderbaren Blick auf den Sankt-Lorenz-Strom belohnt.

Wer mit dem Zug von Ottawa nach Québec City fährt, wird mit diesem wunderbaren Blick auf den Sankt-Lorenz-Strom belohnt.

 Wer in Ottawa ist, sollte unbedingt einen Zwischenstopp am Beavertail-Stand im ByWard Market Viertel machen!


Wer in Ottawa ist, sollte unbedingt einen Zwischenstopp am Beavertail-Stand im ByWard Market Viertel machen!

A wie……Achtung Wild!
Wenn man Glück hat, kann man in Kanada auf viele tolle Tiere treffen: Biber, Elche, kanadische Gänse, dunkle Eichhörnchen oder Eis- und Grizzlybären. Den Bären und Elchen würde ich aus offensichtlichen Gründen nicht zu nahe treten, aber sie sind in dicht besiedelten Gebieten sowieso eher selten anzutreffen. Wenn du in der Wildnis (Nationalparks, etc.) unterwegs bist, solltest du allerdings vorsichtig sein. Lass dich vor deiner Wanderung ins Grüne am besten von einem Förster aufklären.
In Kanada gibt es jedoch ein Tier, vor dem sich selbst ein Grizzlybär fürchtet. Es ist schwarz-weiß, klein, unscheinbar und wirkt auf den ersten Blick sogar ganz niedlich: Das Stinktier. Für den Fall, dass diese Kreatur deinen Weg kreuzt, gebe ich dir folgenden Rat: Lauf! Lauf so schnell und weit du kannst! Stinktiere sind gerne nachts unterwegs, um sich auf Nahrungssuche zu begeben. Nicht selten findet man sie in der Nähe von Mülltonnen, in denen sie gierig in deinen Essensresten vom Vortag wühlen. Wenn sie sich bedroht fühlen, sondern sie ein widerlich riechendes Sekret ab, das wochenlang am Körper haften bleiben kann. Da hilft auch kein permanentes Duschen! Dir bliebe nur noch die soziale Isolation als Lösung übrig und das ist keine gute Idee, wenn man während seiner Reise ein paar Kanadier kennenlernen will.
Ich bin nur einmal einem Stinktier begegnet. Es hatte sich über Nacht in der Mülltonne meines Studentenwohnheims gemütlich gemacht. Nachdem ich es entdeckt hatte, habe ich ganz schnell das Weite gesucht. Zum Glück hat es mich nicht bemerkt. Da kämpfe ich lieber gegen zehn Grizzlybären, als dass ich es mit einem Stinktier aufnehme. Nein danke, aber ich habe keinen Bedarf nach „Eau de Skunk“.

Dunkle Eichhörnchen findest du in Kanada überall. Sie sind sehr paarungsfreudig, weswegen sie von vielen Kanadiern naserümpfend als „rats“ bezeichnet werden.

Dunkle Eichhörnchen findest du in Kanada überall. Sie sind sehr paarungsfreudig, weswegen sie von vielen Kanadiern naserümpfend als „rats“ bezeichnet werden.

Nicht viele wissen, dass die kanadische Gans eine Art Nationaltier ist.

Nicht viele wissen, dass die kanadische Gans eine Art Nationaltier ist.

Unangefochten auf dem ersten Platz der kanadischen Nationaltiere: Der Biber. Ihn findet man im ganzen Land in allen Formen und Farben, wie hier aus Plüsch.

Unangefochten auf dem ersten Platz der kanadischen Nationaltiere: Der Biber. Ihn findet man im ganzen Land in allen Formen und Farben, wie hier aus Plüsch.


D wie……Do you speak English? Parlez-vous français?

Die Sache mit der Sprache kann in Kanada etwas verwirrend sein. Grundsätzlich bist du mit soliden Englischkenntnissen überall im Land gut aufgehoben. Doch in den französischsprachigen Provinzen (vor allem in Québec) können ein paar Brocken Französisch nicht schaden. Fast alle Frankokanadier, die ich getroffen habe, waren freundlich und offen. Allerdings gibt es auch einige Exemplare, die sich einfach weigern Englisch zu sprechen. Kanadas Zweisprachigkeit ist historisch begründet und bis heute gibt es vor allem auf politisch-kultureller Ebene Konflikte zwischen Anglo- und Frankokanadiern.
Manchmal verursacht Kanadas Zweisprachigkeit ulkige Alltagssituationen: Als ich einmal mit dem Zug von Ottawa nach Québec City gereist bin, hat mich das Zugpersonal kurz nach der Abfahrt freundlich auf Englisch begrüßt und meine Fahrkarte kontrolliert. Kurze Zeit später haben wir die Grenze von Ontario nach Québec überquert, während dasselbe Personal Kaffee an die Fahrgäste verteilt und plötzlich nur noch Französisch mit seinen Gästen gesprochen hat. Ich war überrascht und fasziniert und habe diese Gelegenheit gleich genutzt, um mein Schulfranzösisch ein wenig aufzufrischen.

In Kanada ist alles zweisprachig, auch die Plakate im Poutine-Restaurant „La Banquise“ (wenn du einen Tisch ergattern kannst, sehr zu empfehlen!) in Montreal.

In Kanada ist alles zweisprachig, auch die Plakate im Poutine-Restaurant „La Banquise“ (wenn du einen Tisch ergattern kannst, sehr zu empfehlen!) in Montreal.

Erklärung am (Bild-)Rande: Poutine ist ein typisches Gericht aus Québec und besteht aus Pommes, Bratensoße und Käse. Wenn du auf ungesundes Essen stehst, wirst du Poutine lieben. Ich hätte mich reinsetzen können!

Erklärung am (Bild-)Rande: Poutine ist ein typisches Gericht aus Québec und besteht aus Pommes, Bratensoße und Käse. Wenn du auf ungesundes Essen stehst, wirst du Poutine lieben. Ich hätte mich reinsetzen können!


A wie……Alles easy!

Kanadier sind lebensfrohe Menschen. Sie tragen meistens ein Lächeln oder einen lustigen Spruch auf den Lippen und sind immer für ein nettes Gespräch zu haben. Die Kanadier sind ein herrlich unkompliziertes Völkchen und du wirst während deiner Reise schnell merken, dass die netten Umgangsformen in der Gesellschaft einen positiven Einfluss auf deine Laune haben werden. Lass dich von der tollen Art der Kanadier anstecken und nimm etwas davon mit nach Deutschland. Der Tag ist irgendwie schöner, wenn man wildfremde Menschen auf der Straße begrüßt oder sich bei der Kassiererin im Supermarkt für den Service bedankt. In Kanada ist all das selbstverständlich und das macht dieses Land für mich so liebenswert.

Ich garantiere dir, dass Kanada dich mit offenen Armen empfangen und nie wieder loslassen wird. Deswegen bleibt mir am Ende nur zu sagen: Geh nach Kanada und verliebe dich!

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